Der Gothaer Pastoren-Sohn und Königl. Sächs. Offizier Emil Friedrich Julius Grobstich

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Ein Aufsatz von Rudolf W.L Jacobs

Ausgangspunkt der Recherchen zur Person war ein altes Portraitphoto, das 2016 zusammen mit anderen Portraits aus dem Photo-Album der Familie Gildemeister-Perthes[1] von der Antiquarin Hannelore Kudlek in 23730 Neustadt erworben wurde. Bisher waren keine Portraits aus der Familie Grobstich bekannt. Glücklicherweise war das Photo auf der Rückseite ausgiebig beschriftet, was leider bei alten Portraits-Photos nicht immer der Fall ist.

Hier folgt die zeilengetreue Transkription der Beschriftung:

„Friedrich Gr. war früher Offizier. Später lebte er mit s. Bruder Karl in Bodelwitz b/ Leipzig[2] auf dessen Gut, wo Minna, Jda u. Emma Perthes mit 9, 8 u. 6 Jahren[3] in den Ferien zu Besuch waren. Beide Brüder waren unverheiratet. Sie saßen in ihren durchregnenden Zimmern unter gr. Schirmen. Friedrich Grobstich[4]Bruder der Urgroßmutter Friederike Thienemann, Gotha.“

In dem Thüringer Pfarrerbuch Bd 1. Herzogtum Gotha sind 4 Kinder des Gothaer Pastors Christian Friedrich Grobstich, 1756-1827, verzeichnet: die einzige Tochter heiratete den Herzoglichen Rats-Konsulenten und Hofrat Johann Friedrich Wilhelm Thienemann, einer der „Sieben Weisen von Alt-Gotha“, dessen Nachkommen die spätere Gothaer Buchhändler-Familie Thienemann ist.

Von den drei zu Gotha geborenen Söhnen des Pastors Grobstich finden sich im Gothaer Pfarrerbuch nur die Namen und die Geburtsdaten:

Heinrich Carl Amadeus GROBSTICH, * 3.6.1794;

Heinrich Friedrich Carl GROBSTICH, * 9. 3. 1797;

Emil Friedrich Julius GROBSTICH, * 3.1.1799.

Welcher Friedrich kommt nun infrage? Und welcher Carl war Pächter des Rittergutes in Podelwitz bei Leipzig ? Eine weitere Schwierigkeit bei der Identifizierung war, dass es drei verschiedene Podelwitz in der Nähe von Leipzig gibt:

- Podelwitz in der Gemeinde Rackwitz, Kirchengem. Wiederitzsch,

- Podelwitz, Rittergut, bei Saara (Nobitz);

- Podelwitz, Rittergut bei Colditz, Kirchengem. Collmen

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Eine weitere Hilfe der Identifizierung, welches Podelwitz gemeint sein könnte, war der Hinweis, daß das Rittergut im Besitz eines Gothaer Geh. Reg.-Rates Julius GELBKE war. Zunächst war die Anfrage beí allen infrage kommenden Pfarrämter negativ; kein Vorkommen des Namens GROBSTICH in den Kirchenregistern. Dann nahm die freundliche Pfarrsekretärin Hanka Jentzsch von der Kirchengemeinde Podelwitz -Wiederitzsch Kontakt zu dem Ortschronisten Wilke auf, der ein Besitzerverzeichnis des Rittergutes erstellt hatte.

Als letzter Besitzer wird 1841 ein Ludwig Gelbke genannt, der 1843 mit „L. C. W. Gelbke, auf Güntheritz und Podelwitz“, als Direktor der Leipziger Versicherung genannt wird. Durch diese Angabe war das Podelwitz Gem. Rackwitz, Kirchgem. Wiederitzsch als infrage kommender Ort identifiziert, aber von Grobstich war noch keine Spur zu finden.

Dann fand die aufmerksame Pfarrsekretärin Frau Jentzsch eine Spendenliste für die Betroffenen eines Brandes in Klein – Podelwitz aus dem Jahre 1861; auf dieser Liste findet sich tatsächlich der Name „F. Grobstich, Rentier zu Leipzig“ mit der schönen Spende von 10 Talern, und am Anfang der Liste steht „Julius Gelbke, Rittergutsbesitzer Podelwitz“ (hier nicht abgebildet)

Das Rittergut war also inzwischen von Ludwig C. W. Gelbke im Erbgang an den Geh. Reg.-Rat zu Gotha Julius Gelbke übergegangen und Friedrich Grobstich wohnte nicht mehr in Podelwitz sondern inzwischen in Leipzig als Rentier, hatte aber seine weitere Verbundenheit zu Podelwitz durch seine Spende kundgetan. Daher tauchte er im Sterberegister von Podelwitz auch nicht auf; wahrscheinlich ist sein Bruder Carl, der Pächter des Rittergutes mit ihm zusammen nach Leipzig gezogen und hat die Pacht des Rittergutes aufgegeben.

Bei den vielen Kirchengemeinden in Leipzig nach dem Todeseintrag von Friedrich Grobstich zu suchen war nur sinnvoll, wenn man den Wohnsitz wusste und dadurch die entsprechende Kirchengemeinde finden konnte. Beides aber war nicht bekannt. Aber es gibt in Leipzig die sogenannten RATSLEICHENBÜCHER, in dem alle Verstorbenen von Leipzig aufgelistet sind. Diese Bücher sind bei familysearch (Mormonen- Archiv) online einzusehen, aber die meisten ohne Register; das bedeutet, Jahrgang für Jahrgang durchzusuchen.

Friedrich Grobstich müsste gemäß dem Eintrag in der Spendenliste nach 1861 verstorben sein; und tatsächlich, im Jahre 1866, am Dienstag den 23. Oktober, war sein Tod eingetragen (da sein Bruder Carl nicht in der Spendenliste genannt wird, ist zu vermuten, dass er schon vor 1861 verstorben ist) :

Ratsleichenbücher Leipzig im Stadtarchiv, Nr. 24, 1864-66

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„Dienstag 23. Oct 1866. [Begraben] 518 Eine unverh. Mannsperson 67 Jahre alt, Friedrich Emil Julius GROBSTICH, aus Gotha Privatmann an der Pleiße No. 3. starb .. ½ 8 Uhr“

Es gibt noch einen Parallel-Eintrag in den Ratsleichenbüchern, der nicht nur das Begräbnis sondern auch das Sterbedatum anzeigt:

Parallel-Eintrag ( Foto Nr. 745):

Eine unverheirathete Mannsperson 67. Jahr alt, Hr. Friedrich Emil Julius GROBSTICH aus Gotha, Privatmann, an der Pleiße nr. 2. (?) starb den 20. Octbr. 66. N. 8. U. (?


Durch diesen Eintrag mit allen Vornamen und dem Alter von 67 Jahren ist FRIEDRICH GROBSTICH auf dem alten Photo als der jüngste Sohn des Gothaer Pastors identifiziert, der am 3. Januar 1799 zu Gotha geborene Emil Friedrich Julius GROBSTICH.

Jetzt fehlt nur noch die Identfizierung seines Bruders, des Rittergutspächters Carl Grobstich. Es gibt eine Nachricht über einen Grobstich, Karl Heinrich, Major in Borna, mit dem Bericht über die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an ihn (1838).

Außerdem findet sich im Staatshandbuch des Königreichs Sachsen 1843 der Eintrag: 2. Reiter-Regiment Prinz Johann: Stabsoffizier Carl Heinrich Amadeus GROBSTICH, Major (H.O.R.) In einer Regimentsgeschichte wird berichtet: „Major Grobstich trat am Ende dieses Jahres aus dem Regimente, dem er mit nur kurzen Unterbrechungen seit 1810 angehört hatte. Er erhielt die erbetne Entlassung mit Pension und unter Ertheilung des Oberstleutnants-Charakters“. Hier handelt es sich also um den 1. Sohn des Gothaer Pastors Grobstich: Heinrich Carl Amadeus GROBSTICH, * 3.6.1794, der wie sein Bruder Friedrich Offizier wurde, und damit dem Großvater Johann Balthasar GROBSTICH nachschlug, der als Leutnant genannt wird.

Gedicht auf die Grobstich durch die Gemeinde Podelwitz vom 19.07.1855, welches am 21.07.1855 in der Leipziger Zeitung abgedruckt war.

Damit bleibt für den Pächter des Ritterguts Podelwitz nur noch der 2. Sohn übrig: Heinrich Friedrich Carl GROBSTICH, * 9. 3. 1797. Es sei denn, dass der Major identisch ist mit dem Rittergutspächter und dass der 3. Sohn, geb. 1797, früh verstorben ist, da im Nekrolog des Vaters nur 2 Söhne genannt sind. Vorläufig ist jedoch davon auszugehen, dass alle Söhne erwachsen wurden.

Folgt nun noch eine Zusammenstellung der Kinder des Gothaer Pastors u. Hofpredigers Christian Friedrich GROBSTICH, 1756-1827 und der Hedwig Christiane Friederike geb. SAUL, 1763-1838, als Ergänzung zum Gothaer Pfarrerbuch, S. 287:

1. Friederika Henrietta Christiana GROBSTICH, gen. Fritze, * Gotha, Schloßkirche 14.3.1792, + ebd. St. Marg. 6.5.1831, Pianistin;[5] oo Wangenheim 19.5.1817 Johann Friedrich Wilhelm THIENEMANN,1784-1836 Hofrat, Hofadvokat und Kammerkonsulent zu Gotha, Sohn des Amtmanns zu Gräfentonna Carl Renatus THIENEMANN, 1751-1803, und der Arzt-Tochter Johanna Sophia Christiana Friederika JACOBS, 1763-1815.

2. Heinrich Carl Amadeus GROBSTICH, * Gotha 3.6.1794, + . . . vor 1867 Genannt als „Carl Heinrich Amadeus Grobstich, Major (H.O.R.)“[6] im Staatshandbuch für das Königreich Sachsen, Jg. 1843, S. 238; seit 1810 Kgl. Sächs. Stabsoffizier im 2. Reiter-Regiment Prinz Johann; pensioniert 1845 als Oberstleutnant der Reiterei; 1853 Ritter des Königl. Sächs. Militair St. Heinrichs-Orden, s. 1812 (Staatshandbuch 1845 u. 1867 als verstorben bez.); 1838 Ehrenbürger von Borna (in der betr. Liste nicht genannt)

3. Heinrich Friedrich Carl GROBSTICH, * Gotha 9. 3. 1797, + (Leipzig) . . . vor 1861 (?), ledig. Vermutlich identisch mit dem Pächter des Ritterguts Podelwitz b. Rackwitz, Kirchengem. Wiederitzsch, das sich im Besitz des Gothaer Geh. Reg-Rats Julius GELBKE befand

4. Emil Friedrich Julius GROBSTICH, (Portrait-Photo) * Gotha 3.1.1799, + Leipzig 20.10.1866, 67 J., begr. ebd. 23.10.1866, ledig Königl. Sächs. Offizier; lebte zusammen mit seinem älteren Bruder Carl Grobstich auf dessen Gut zu Podelwitz b. Leipzig, zuletzt als Rentier in Leipzig

In der handschriftl. Nachfahrentafel GROBSTICH / THIENEMANN (erh. 2008 von Nachfahrin Gabriele Pieper geb. v. Harnack in Oberhausen) werden auch nur die beiden Söhne zu 2) und 4) genannt und Heinrich Friedrich Carl GROBSTICH ist darin nicht aufgeführt, wie in dem Nekrolog des Vaters, s. Anm. 4), der auch nur 2 nachgelassene Söhne kennt. Das könnte bedeuten, dass es sich bei dem Mitpächter von Gut Podelwitz des Friedrich Grobstich eher um seinen älteren Bruder Carl Heinrich Amadeus handeln könnte.

Einzelnachweise

  1. Zur Herkunft der Familie Gildemeister / Perthes siehe Genealogie der Schleswig-Thüringischen Familie JACOBS in: Deutsches Geschlechterbuch Bd. 214, Limburg 2002, S. 715 f (Nachkommen Thienemann)
  2. Recte: Rittergut Podelwitz
  3. Nach den Geburtsjahren der Kinder von Andreas PERTHES u. Sophie geb. THIENEMANN (To. v. J. Friedr. W.) 1843, 1844 und 1846 müßte es das Jahr 1852 gewesen sein; die Grobstichs waren die Großonkel der Perthes-Kinder
  4. Sohn des Hofpredigers u. Hofdiaconus Christian Friedrich GROBSTICH und der Hedwig Christiane Friederike geb. SAUL: entweder handelt es sich um Heinrich Friedrich Carl GROBSTICH, * Gotha 9.3.1797, oder um seinen jüngeren Bruder Emil Friedrich Julius GROBSTICH, * Gotha 3.1.1799; ein weiterer Bruder war Heinrich Carl Amadeus GROBSTICH, * Gotha 3.6.1794, Major, Stabsoffizier im Sächs. Reiterregiment Prinz Johann 1843, angebl. Ehrenbürger von Borna 1838; einer von diesen 3 Brüdern der Friederike THIENEMANN ist der Pächter des Rittergutes zu Podelwitz KARL Grobstich, welches einem Reg.-Rat GELBKE aus Gotha gehörte. (im Nekrolog des Hofpredigers werden nur 3 Kinder erwähnt, eine Tochter und 2 Söhne: https://books.google.de/books?id=QekSAAAAYAAJ&pg=PA271&dq=Friedrich+grobstich&hl=de&sa=X&redir_esc=y#v=onepage&q=Friedrich%20grobstich&f=false) Ein Geh. Reg.-Rat Julius GELBKE stirbt zu Gotha am 6.9.1868
  5. Ein Fräulein Grobstich spielte anläßlich des Abschieds Carl Maria v. Webers aus Gotha am 17. Dez. 1812 zusammen mit dem Komponisten Carl Maria von WEBER und dessen Schülerin Caroline Schlick sowie dem Maestro de Cesaris des Prinzen Friedrich eine vom Herzog August komponierte 8 händige Phantasie (Quelle: Max Maria v. Weber, Carl Maria v. Weber. Ein Lebensbild, 1864-66, Bd. 1, S. 391)
  6. H. O. R. = St. Heinrichs- Orden Ritter

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