Goethe und Pauline

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Ein Erinnerungsblatt zu Schellings 150. Geburtstag.

Pauline Gotter im Jahre 1840. Diese Zeichnung - welche nach einer verblassten und beschädigten Daguerreotypie aus 1840 entstand - befand sich noch in den 1950er Jahren im Besitze ihrer Ur-Enkelin Margarete Bergfeld-von Schelling (1909-1992). Sie stellte diese im Jahre 1951 als Faksimile zur Verfügung. Diesem Umstande ist die Erhaltung zu Verdanken. Ob sich das Original erhalten hat, ist nicht bekannt.

Von Dr. Kurt Schmidt, Gotha, aus 1925.

Traun! Ein schönes Geheimnis hast du durch dein Wesen gelöset, Wie mit weiblichem Sinn tieferes Wissen sich eint.

Dieses Distichon, das sich handschriftlich in Goethes Nachlass fand, hat für uns Westthüringer ein besonderes Interesse, da es an eine Gothaerin gerichtet ist: Pauline Gotter.

Pauline war die jüngste Tochter des Gothaer Dichters Friedrich Wilhelm Gotter, mit dem der junge Goethe in Wetzlar zusammentraf und sich anfreundete; er bildete das Haupt der lustigen Tafelrunde, zu der auch Goethe gehörte. Später freilich hat er diese Beziehungen fallen lassen; so oft auch Goethe in Gotha geweilt hat, so hat er sich doch nicht ein einziges Mal um seinen alten Jugendfreund gekümmert, dessen er in seiner Selbstbiographie allerdings ehrend gedenkt. Durch einen Zufall ist er dann in späteren Jahren noch einmal mit einem Gliede der Familie Gotter in engere Berührung gekommen.

Es war im Juni des Jahres 1808. Eine Dame der Gothaer Gesellschaft, Freifrau von Seckendorff, hatte die Absicht, zur Kur nach Karlsbad zu gehen und ihre Freundin, Pauline Gotter, gebeten, sie zu begleiten, da ihr Mann aus dienstlichen Gründen verhindert war. Karlsbad war damals das vornehmste Bad Europas. Welche Freude muss es für das in überaus bescheidenen Verhältnissen erzogene Bürgerskind gewesen sein, als sich ihm jetzt die Aussicht öffnete, einen Blick in die große Welt zu tun, vor allem aber ein für die damaligen Verhältnisse schon recht beträchtliches Stückchen Erde, und zwar so eine himmlische Gegend, kennen zu lernen. Aber ihre Freude musste sich noch erhöhen, als sie in Karlsbad ihre fast gleichalterige Freundin Silvie von Ziegesar, die jüngste Tochter des Gothaischen Geheimrates von Ziegesar, traf. Im Kreise ihrer Familie lernte Pauline schon wenige Tage nach ihrer Ankunft auch den berühmtesten Karlsbader Kurgast kennen. Doch hören wir sie selbst, wie sie ihr übervolles Herz einer Freundin ausschüttet:

"Ach bestes, liebstes Gretchen! Du wirst nicht erraten, wessen Gesellschaft mich so unbeschreiblich glücklich gemacht hat? So wisse denn, dass es Goethe ist, und was für ein herrlicher Mann ist das. . . . - Wer ihn nicht kennt, kann sich keinen Begriff machen, wie liebenswürdig, wie mitteilend und belehrend er in Gesellschaft von wenig Menschen ist, denn in größerer Gesellschaft ist er steif und zurückhaltend. Bei all dem Geist, mit dem er die geringste Kleinigkeit, die er sagt, interessant zu machen versteht, verbindet er eine Herzlichkeit und Natürlichkeit, die einem so viel Zutrauen einflößt, die so zum Herzen spricht, dass man ihm alles sagen könnte und ganz den großen Mann vergisst, der einen sonst genieren könnte."

Weiter erwähnt Pauline die gemeinsam unternommenen Ausflüge, Goethes Besuche und die "botanischen Stunden", die er ihr erteilt hat. Dann bricht sie plötzlich ab, doch nicht ohne "geschwind noch hinzuzusetzen, dass er bald 60 Jahre alt ist".

Goethe im Jahre 1832. Gestochen durch C. A. Schwerdgeburth zu Weimar

Überaus reizvoll wird das Karlsbader Leben im Zusammensein mit Goethe von Pauline in einem Briefe geschildert, den sie am 6. September von Gotha aus an die Freundin ihrer Mutter, Caroline Schelling, richtet:

"Spaziergänge, Landpartien und Vorlesungen wechselten angenehm ab, und wir machten bald mit Ziegsars, Goethe und seinem Freund Riemer einen kleinen Zirkel auf, der fest zusammenhielt und gewiss der lustigste und vergnügteste in ganz Karlsbad war. Um die übrige elegante Welt wurde sich wenig gekümmert, und weder Bälle, Assembleen, noch Konzerte verführten uns; aber dafür wurde auch täglich die entzückend schöne Gegend zu Wagen und zu Fuß durchstrichen, und ich kann wohl sagen, es ist kein schöner Felsen drei Stunden in der Runde um Karlsbad, den wir nicht mit Goethe erklettert hätten. Er war die Seele unserer Gesellschaft, immer gleich liebenswürdig, heiter und mitteilend."

Goethe zeigte sich ihr, seinem "Karlsbader Äugelchen", wie er Pauline seiner Frau gegenüber bezeichnete, "bald als Lehrer und Vater, bald als Freund und Liebhaber", wie sie 1811 dem Philosophen Schelling, ihrem späteren Gatten, freimütig gesteht. Besonders seine Unterhaltung war, wie Pauline 1809 in einem in dem hübschen Büchlein "Goethe und Pauline Gotter" von Eberhard Waitz; (Hahnsche Buchhandlung in Hannover, 1919) zum ersten mal veröffentlichten Briefe an eine Casseler Freundin schreibt, "der reichste Genuss, den ich gefunden habe. Aber ich glaube auch, dass seine Gegenwart sehr gefährlich sein kann, und ich versichere Dich, dass ich mein ganzes bisschen Verstand zusammen genommen habe, um mir jeden Augenblick klar zu gestehen, dass alle süßen Worte, die er mir ins Ohr raunte, nicht mir insbesondere, sondern jedem jungen Mädchen gelten würden. Ich war weniger besorgt, dass meine Eitelkeit aufgeregt wurde (denn die ist wahrhaftig bei mir nicht sehr groß), als dass mein Herz mit meinem Kopfe davonlaufen möchte, wenn ich ihn mit der größten Zärtlichkeit und mit den geistreichsten Wendungen um die Erlaubnis bitten sah, mir die Hand zu küssen, da er gegen andere vornehm, steif zurückhaltend und herablassend ist. Keine Seele hat das von mir erfahren; aber in den Busen der liebsten Freundin kann man es wohl ausschütten."

Was war es nun, das den Olympier zu der 22jährigen Gothaerin hinzog? Das schon ihre blondgelockte anmutige Gestalt, deren Züge ihn an ihren Vater erinnerten, auf ihn Eindruck machte, ist von vornherein anzunehmen. Stärker aber zog ihn die von ihm selbst gerühmte "unverwelkliche Lebenslust"; gestand er ihr doch mehrmals: "Deine Gegenwart, liebes Kind, verjüngt mich um 20 Jahre."

Als einmal ihre Institutsfreundin, die Malerin Luise Seidler, in Goethes Gegenwart das Gespräch auf sie brachte, äußerte er: "So! Was macht sie denn Gutes? Ist sie noch immer so munter, so närrisch? Macht sie den Menschen noch immer viel zu schaffen? Das ist so ihre Sache." Mit diesen Worten spielt Goethe auf Paulinens "wechselndes Wesen" an, das er selbst einmal in einem Briefe an Silvie folgendermaßen charakterisiert:

"Paulinchen ist hier. Ein eigenes Wesen, wie ich’s noch nicht kannte, bald liebevoll und zutraulich, bald neckend und eigen."

Aber das "schöne Geheimnis" der Persönlichkeit Paulines und des von dieser ausgehenden Zaubers lag ja nach Goethes eigenen Worten darin, dass sie "mit weiblichem Sinn tieferes Wissen" vereinigte. Ihr "klarer heller Verstand" wird auch sonst gerühmt, und ihre Bildung ging über das alltägliche Maß weit hinaus. In den erwähnten "botanischen Stunden" muss sie sich als eine recht gelehrige Schülerin gezeigt haben. Denn ihr verehrt Goethe gleich nach dem Erscheinen seine "Farbenlehre", indem er an Silvie schreibt:

"Pauline lassen Sie ja allein an dem verräterischen Geschenk sich abmühen. Es ist ihr für ihre Sünden gegeben. Sie wird mich nächstens verwünschen und es ins Feuer werfen."

Das tat nun Pauline freilich nicht, sondern studierte fleißig in dem Werke, das sie "gewaltig" interessierte. Und ihr "auf viele Weise Freude gab", wie sie sowohl an die Mutter, wie auch an Schelling berichtete. Auch sonst werden in der Zeit der Trennung sinnige Geschenke ausgetauscht: gleich nach dem Karlsbader Zusammenfein erhielt Pauline aus Weimar eine Prachtausgabe von Tassos Aminta; im darauffolgenden Frühling sandte sie ihrem "alten Freund" Veilchen und Maiblumen und veranlasste dadurch vielleicht die Bemerkung Ottiliens in den um jene Zeit niedergeschriebenen "Wahlverwandtschaften, dass Veilchen und Maiblumen die Überschriften oder Vignetten in dem artigsten Kapitel des Jahresmärchens sind. Zum Dank dafür erhielt sie die eben vollendete "Johanna Sebus". Im Sommer desselben Jahres stickte sie ihm eine Brieftasche mit Karlsbader Erinnerungen; die Gegengabe bestand in einem "zarten Gewebe". Für die "Farbenlehre" dankte sie - wohl mit Anspielung auf eine Stelle in den "Wahlverwandtschaften" (ll 7) - mit einer gestrickten Weste, die Goethe gerne trug, und empfing dafür etwas "von der spitzen Ware". Noch 1827 sandte sie von Erlangen aus "fränkisches Gewächs". Spärlich ist dagegen der Briefwechsel; denn Goethe wird, wie Pauline 1810 Schelling klagt, "immer bequemer und diktiert Riemer alles, nur seine jungen Freundinnen haben den Vorzug, dass er selbst schreibt, und warten gern dafür etwas länger". Aber keine Gelegenheit wird versäumt, persönlich zusammenzutreffen, sei es in Weimar, wo Goethe sie im Kreise der Madame Schopenhauer trifft, mit ihr das Theater besucht oder sie zu Tisch bittet, oder in Jena, vor allem aber bei Ziegesars in Drakendorf bei Jena, wo Goethe seit Jahrzehnten regelmäßig verkehrte. Oft ging es hier recht lustig zu. So berichtet Pauline 1810:

"Schon einige male war er hier: das erste Mal ganz unter uns von der ausgelassensten Laune, die Gewalt feines Feuers und seiner Lebhaftigkeit habe ich wohl in einzelnen Momenten, aber nie so anhaltend wie damals gesehen, er vergaß sich ganz, ließ seine ganze Stimme ertönen und schlug immer mit den Händen auf den Tisch, dass die Lichter umherfuhren, es war eine wahre unbedingte Lustigkeit".

Am 10. Juli 1811 besuchte Goethe einmal wieder mit Frau Frommann aus Jena und der Schopenhauer die Drakendorfer; dazu kamen noch der Jenaer Professor Köthe, Silvies späterer Gemahl, der Bildhauer Kühn und der bekannte Landschafter Friedrich aus Dresden; wir glauben Pauline ohne weiteres, wenn sie ihrer Mutter schreibt:

"Man konnte wahrlich in einer Stunde mehr Interessantes hören, als in den Gothaischen Teegesellschaften das ganze Jahr."

Am 8. Oktober 1811 fand die letzte Zusammenkunft zwischen Goethe und Pauline statt, da diese im folgenden Jahre Gotha verließ. Caroline Schelling, die schon mehrfach erwähnte Gattin des großen Philosophen, war mit der Familie Gotter eng befreundet "und stand auch mit Pauline in regem Briefwechsel. Als sie 1809 plötzlich starb, wurde dieser von Schelling, der in seinem tiefen Schmerz tröstenden Zuspruch suchte, fortgesetzt; er führte in den nächsten Jahren zu einer so starken geistigen und seelischen Annäherung, dass im Frühjahr 1812 eine erste Zusammenkunft in Lichtenfels verabredet wurde. Hier kam es bereits Ende Mai zur Verlobung, der schon am 10. Juni die in Gotha von dem Oberhofprediger Schäffer vollzogene Trauung folgte. Mit ihrem Gatten siedelte sie nun nach München über, wo beide eine überaus harmonische Ehe führten. 1854 sind dann die beiden nach einer 42-jährigen glücklichen und auch kindergesegneten Ehe gestorben, Schelling in Berlin, Pauline wenige Monate darauf in Gotha. Zu ihren Enkeln gehört auch, um den berühmtesten zu nennen, der Generalfeldmarschall von Eichhorn, ein Sohn von Paulinens dritter Tochter Julie.

Das letzte Lebenszeichen, das sie von Goethe erhalten hat, war wohl sein Dank für ihre Glückwünsche zu seinem 80. Geburtstag; er drückt seine Freude darüber aus, "ihre liebe, anmutige Hand wieder zu erblicken". Andere Frauen und Mädchen haben wohl einen bedeutend stärkeren Eindruck auf ihn gemacht; aber nirgends tritt uns der alternde Goethe so sympathisch gegenüber, wie in seinen zarten Beziehungen zu Pauline. In der rührendsten Gestalt der "Wahlverwandtschaften", in Ottiliens "wechselndem Wesen" lebt noch ein Stück ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit.